Alle hundert Meter ein Loch: Auf dem Hindenburgdamm wird für den Strom gebohrt
Alle hundert Meter ein Loch: Auf dem Hindenburgdamm wird für den Strom gebohrt

Bis zu 16 Meter tief geht es in den Boden. Was die Bohrtrupps zwischen Klanxbüll und Morsum herausfinden, entscheidet mit darüber, was die Elektrifizierung der Marschbahn am Ende kostet.

Klanxbüll/Morsum. Wer dieser Tage über den Hindenburgdamm fährt, sieht sie am Streckenrand stehen: Bohrgeräte, alle einhundert Meter eines. Zwischen Klanxbüll und Morsum werden derzeit probeweise Löcher in den Untergrund getrieben — bis zu sechzehn Meter tief. Es sind die ersten sichtbaren Arbeiten für ein Vorhaben, über das auf der Insel seit Jahren geredet wird: Die Marschbahn soll elektrisch werden.

Es geht um die Frage, ob der Boden hält

Der Anlass ist so simpel wie entscheidend. Wenn über dem Hindenburgdamm irgendwann Oberleitungen hängen sollen, müssen dafür Masten stehen. Und Masten brauchen Fundamente, die halten — auf einem elf Kilometer langen Bauwerk, das mitten durchs Wattenmeer führt, bei Wind, Salz und einem Untergrund, der alles andere als gewachsener Fels ist.

 

Genau das prüfen die Fachleute jetzt. Nach Angaben der Deutschen Bahn werden Proben aus bis zu sechzehn Metern Tiefe geholt und bis zum Frühjahr ausgewertet. Erst dann lässt sich sagen, welche Art von Pfählen gesetzt werden muss und wie tief sie reichen müssen.

 

Das klingt nach Routine, ist aber der Kern der Sache: Von diesem Ergebnis hängen die Kosten der gesamten Elektrifizierung ab. Je tiefer und aufwendiger gegründet werden muss, desto teurer wird das Projekt. Wer wissen will, ob die Rechnung am Ende aufgeht, muss bis zum Frühjahr warten.

Rund 170 Kilometer sollen unter Strom

Der Hindenburgdamm ist dabei nur ein Teilstück. Die Marschbahn verbindet Hamburg über die Westküste mit Westerland und ist rund 237 Kilometer lang. Elektrifiziert werden soll der Abschnitt von Itzehoe bis Westerland — rund 170 Kilometer — plus eine 26 Kilometer lange Umleitungsstrecke zwischen Jübek und Husum.

 

Die Zahlen dahinter sind beachtlich. Die Bahn rechnet damit, durch die Umstellung vom Diesel- auf den Elektrozug rund 15 Millionen Liter Diesel im Jahr einzusparen. Der Nahverkehrsverbund NAH.SH beziffert die Entlastung auf etwa 65.000 Tonnen CO₂ jährlich und erwartet zugleich rund 10 Millionen Euro geringere Betriebskosten pro Jahr. Dazu kommen weniger Lärm, weniger Abgase und eine Strecke, die zuverlässiger laufen soll als heute.

 

Für eine Insel, deren Erreichbarkeit an einem einzigen Gleis hängt, ist das mehr als eine Umweltfrage.

Der unsichere Teil: Wer bezahlt

Beim Geld wird es dünner. Das Projekt steht nicht im Bundesverkehrswegeplan. Schleswig-Holstein streckt die Planungskosten deshalb aus eigener Tasche vor und hat das Vorhaben für eine Förderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz angemeldet — darüber könnten bis zu 90 Prozent der förderfähigen Kosten vom Bund kommen. Könnten.

 

Planerisch läuft das Projekt derzeit in der Vorplanung. Zwei Generalplanerteams arbeiten seit Anfang 2025 daran: DB Engineering & Consulting am Abschnitt Itzehoe–Heide, ein Verbund aus Obermeyer, Ramboll und Arcadis auf dem Stück Heide–Westerland.

Zeitplan: Die 2030er Jahre

Und wann fahren die Züge nun elektrisch? Die Bahn spricht vom Lauf der 2030er Jahre, der Baubeginn wird für Anfang des Jahrzehnts angepeilt. Wer auf der Insel schon länger lebt, weiß solche Angaben einzuordnen. Zwischen der heutigen Bohrung und dem ersten Stromabnehmer über dem Wattenmeer liegen noch Genehmigungsverfahren, Umweltprüfungen, Finanzierungsentscheidungen — und, wenn es soweit ist, Jahre Bauarbeiten auf einer Strecke, die nebenbei den kompletten Insel-Verkehr tragen muss.

 

Die Bohrungen dieser Tage sind der erste Schritt von vielen. Aber sie sind eben auch der erste, den man sehen kann.

Eine Anmerkung zum Namen

In der NDR-Meldung ist vom „Syltdamm" die Rede. Syltdamm oder Hindenburgdamm. Amtlich ist ohnehin keiner der beiden — die Bahn führt die Strecke intern schlicht als Nummer 2010.

 

Auf der Insel heißt das Bauwerk Hindenburgdamm. So ist der Name entstanden, durch Gebrauch und nicht durch Beschluss, und deshalb schreiben wir ihn hier auch so. Im kommenden Jahr wird der Damm hundert Jahre alt.

 

Gebohrt wird derweil in beiden.



Quelle der aktuellen Angaben zu den Probebohrungen: NDR, 14. August 2026. Hintergrunddaten zur Elektrifizierung: NAH.SH, Deutsche Bahn.