Rettungsschwimmer holten die Frau am Sonntagnachmittag zwischen Westerland und Wenningstedt aus dem Wasser. Ein Hubschrauber flog sie nach Flensburg. Sie liegt auf der Intensivstation.
Es ist der Nachmittag eines Sommersonntags, das Wetter passt, der Strand ist voll. Gegen 16 Uhr geht am DLRG-Rettungsstand an einem Strandabschnitt zwischen Westerland und Wenningstedt ein Notruf ein. Die Rettungsschwimmer laufen los und holen eine 77-jährige Frau aus dem Wasser.
Was dann folgt, spielt sich direkt am Strand ab: Die Frau muss reanimiert werden. Nach der Erstversorgung bringt ein Rettungshubschrauber sie in ein Krankenhaus nach Flensburg. Dort wird sie auf der Intensivstation behandelt. Über ihren aktuellen Gesundheitszustand liegen keine weiteren Angaben vor. Die Angaben zum Einsatzverlauf stammen von einem Feuerwehrsprecher.
Dass die Rettungskette an diesem Nachmittag funktioniert hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Notruf über einen besetzten Rettungsstand, Rettungsschwimmer innerhalb kürzester Zeit im Wasser, Reanimation noch am Strand, Hubschrauber auf dem Weg – jedes Glied dieser Kette hat gehalten. Genau das ist der Unterschied zwischen einem bewachten und einem unbewachten Strandabschnitt.
Das Wasser sieht harmlos aus. Es ist es nicht.
Die Nordsee ist derzeit für hiesige Verhältnisse angenehm warm, und die See wirkt von der Düne aus ruhig. Beides sagt über die Kräfte unter der Oberfläche nichts aus. Die anhaltenden Winde der vergangenen Wochen haben Sand umgelagert, Sandbänke verändert und die Rinnen dazwischen neu geformt. Unter einer glatten Wasseroberfläche kann erheblich viel Bewegung stecken.
Der gefährlichste Effekt trägt auf Sylt einen eigenen Namen: Trecker. Fachlich heißt er Brandungsrückströmung oder Rippströmung. Wellen schieben ununterbrochen Wasser über die Sandbänke zum Strand. Dieses Wasser muss zurück und sucht sich dafür die Stelle des geringsten Widerstands, meist eine Rinne oder eine Lücke in der Sandbank. Dort fließt es gebündelt seewärts ab. Was breit und langsam ankommt, geht schmal und schnell wieder hinaus – oft schneller, als ein guter Schwimmer dauerhaft schwimmen kann.
Erkennen lässt sich ein Trecker an einem auffällig glatten, dunkleren Streifen, der die Brandungslinie unterbricht, an Schaum oder Sand, der sichtbar seewärts wandert, und an Wasser, das trüber ist als daneben. Weil in dieser Rinne die Wellen kaum brechen, sieht sie nach der ruhigeren, bequemeren Stelle aus. Genau deshalb schwimmen Menschen hinein.
Rippströmungen gelten als häufigste Ursache von Badeunfällen in Europa. Sie sind der Grund, warum auch Menschen in Not geraten, die schwimmen können.
Was tun, wenn man in eine Strömung gerät
Der naheliegendste Reflex ist der gefährlichste: gegen die Strömung zurück Richtung Strand schwimmen. Dagegen kommt niemand an. Man verausgabt sich innerhalb von ein bis zwei Minuten, und Erschöpfung im Wasser ist die eigentliche Lebensgefahr.
- Ruhig bleiben, nicht gegen die Strömung anschwimmen. Ein Trecker zieht seewärts, er zieht niemanden unter Wasser.
- Treiben lassen, Kraft sparen. Rückenlage oder Wassertreten. Die meisten Rippströmungen verlieren nach einigen Dutzend bis wenigen hundert Metern ihre Kraft.
- Parallel zum Strand schwimmen, seitlich aus dem Streifen heraus, dorthin, wo die Wellen wieder brechen.
- Erst dann Richtung Land, schräg, mit den Wellen.
- Auf sich aufmerksam machen: Arm heben, deutlich winken, rufen.
Und vorher: nie allein schwimmen, keine Luftmatratzen und aufblasbaren Tiere im offenen Wasser, Abstand zu Buhnen halten, eigene Kräfte realistisch einschätzen.
Die Flaggen sind kein Dekor
An den Sylter Rettungsständen gilt ein einfaches System. Besetzt ist ein Stand, wenn die Flagge gehisst ist; in der Saison sind die Stände in der Regel täglich von 10.30 bis 17.00 Uhr besetzt.
- Rot-gelbe Flagge: der von Rettungsschwimmern überwachte Badebereich. Dort und nur dort gehört man hin.
- Gelbe Flagge: Warnung. Baden nur noch im bewachten Bereich. Kinder, ältere und ungeübte Schwimmer bleiben besser an Land.
- Rote Flagge: Badeverbot, Lebensgefahr.
- Schwarz-weiß geviertelt: Wassersportbereich für Surfer und Boote, kein Badebereich.
Ein oranger Windsack warnt zusätzlich vor ablandigem Wind.
Nicht jeder Strandabschnitt auf Sylt ist bewacht. Der Brandenburger Strand in Westerland etwa ist als Sport- und Surfstrand ausgewiesen und hat keinen Rettungsstand; dort hing zuletzt ein Schild, das ausdrücklich vor Lebensgefahr durch Unterströmung warnte. Wer außerhalb der bewachten Bereiche oder außerhalb der Bewachungszeiten ins Wasser geht, ist im Ernstfall auf sich gestellt.
Der Sonntag als Mahnung
Ein warmer Augusttag, eine ruhig aussehende See, ein voller Strand – und trotzdem musste eine 77-jährige Frau am Strand wiederbelebt werden. Die Nordsee vor Sylt ist schön, sie ist an guten Tagen einladend, und sie verzeiht Selbstüberschätzung nicht.
Zwischen den rot-gelben Flaggen zu schwimmen kostet nichts. Es ist die einzige Vorsichtsmaßnahme, die im Notfall wirklich zählt.
