Man kann über die Insel sagen, was man will – und Gott weiß, das wird getan, meistens bei einem Glas Grauburgunder mit Blick auf das Wattenmeer. Während die einen vom „Untergang des Abendlandes“ (oder zumindest der Autozug-Pünktlichkeit) raunen, kommen andere mit harten Fakten um die Ecke. Das neue Sparkassen-Tourismusbarometer hat gesprochen: Sylt ist und bleibt der unangefochtene Platzhirsch im Norden. Über 5 Millionen Übernachtungen. Das muss man erst mal wegschlürfen.
Die „Gefühlte Wahrheit“ vs. die Excel-Tabelle
Zwischen den Einheimischen, die jeden Grashalm in den Dünen beim Namen kennen, und den Statistikern tobt ein kleiner Glaubenskrieg. Die gefühlte Wahrnehmung sagt: „Irgendwie war früher mehr Lametta (und mehr Trubel).“ Die Zahlen sagen: „Ruhe bewahren, die Bude ist voll.“
Die Wahrheit liegt hier nicht in der Mitte, sondern in der Treue. Sylt-Gäste sind Überzeugungstäter. Wer einmal den Sand in den Schuhen hatte, kommt wieder – zu satten 72 %. Das ist keine einfache Kundenbindung mehr, das ist eine lebenslange Liebesbeziehung. Und wie in jeder langen Ehe sieht man über kleine Macken (wie die Preise) großzügig hinweg, solange die Aussicht stimmt.
Clubsterben oder: Wo ist eigentlich die Jugend?
Doch schauen wir dem Luxus-Dilemma mal tief in die stahlblauen Augen: Der Altersdurchschnitt liegt bei stabilen 55 % Ü55. Das ist kein Sylter Exklusiv-Problem, aber hier wird es zur Schicksalsfrage.
Erinnern wir uns kurz (mit einer Träne im Knopfloch): Es gab Zeiten, da bebte der Boden unter dem Nautic, dem Crazy Island oder dem American. Man stolperte aus dem Rockcafé oder dem Bogarts direkt in den Sonnenaufgang. Heute ist die Club-Landschaft so ausgedünnt wie der Haaransatz mancher Stammgäste. Für die 18- bis 26-Jährigen stellt sich die existenzielle Frage: Wohin am Abend? Klar, das Irish Pub und die Cohibar halten wacker die Stellung, aber eine echte „Partymeile“ sucht man mittlerweile vergeblich. Wer Action will, muss sie sich heute wohl selbst auf das iPad laden oder hoffen, dass die Strandbar die Musik nach 21 Uhr nicht auf Zimmerlautstärke drosselt.
Strukturwandel: Weniger Charme, mehr Effizienz?
Das Barometer zeigt auch: Die kleinen, kuscheligen Privatvermieter mit dem gehäkelten Klopapierhut weichen zunehmend den großen Playern. Weniger Betriebe, aber mehr Betten – die „Bettenburgisierung“ schreitet voran. Das ist effizient für die Bilanz, aber der „Inselcharme“ muss aufpassen, dass er nicht im Business-Plan untergeht.
Zudem mutiert der Gast zum „Short-Term-User“. Drei bis fünf Nächte sind das neue „Zwei Wochen“. Das bedeutet für die Gastgeber: Betten beziehen im Akkord. Ein logistisches Hamsterrad, während der Gast tiefenentspannt mit der Bahn anreist (und das laut Umfrage sogar gut findet – vermutlich, weil der Schampus im Bordbistro schon vor dem Hindenburgdamm knallt).
Die Rettung: Windeln und Best-Ager
Die Vision ist klar: Wenn wir die 20-Jährigen schon nicht mit Discos locken können (weil wir sie schlicht nicht mehr haben), dann müssen es die jungen Familien richten. Die Zielgruppe der 30- bis 40-Jährigen ist das Gold der Zukunft. Wir brauchen Leute, die Kinderwagen über die Holzstege schieben und die Insel als ihren Sehnsuchtsort entdecken.:
Sylt bleibt das Juwel im Norden – teuer, begehrt und ein bisschen in die Jahre gekommen, aber verdammt gut in Schuss. Wir müssen nur aufpassen, dass die Insel nicht zur „Gated Community“ für Ruhesuchende wird. Ein bisschen mehr Rock ’n’ Roll zwischen List und Hörnum würde dem Flaggschiff sicher gutstehen, damit die Jugend nicht nur zum Erben vorbeikommt.
