Manchmal merkt man erst, was etwas bedeutet, wenn es geht. Steffi Moden wird zum Ende des Jahres schließen — und mit dem Modehaus verschwindet ein Stück Sylt, das viele für selbstverständlich gehalten haben
Gegründet 1919, geführt über drei Generationen. Was bleibt, sind Erinnerungen — und die Frage, warum es so weit kommen musste.
Eine Familiengeschichte, die 1919 begann
Es war Heinz-Anton Gülcher, der den ersten Schritt wagte: gemeinsam mit seiner Frau eröffnete er ein kleines Herrenmodengeschäft in Lüneburg. Aus diesem bescheidenen Anfang wuchs im Laufe der Jahrzehnte ein Modehaus mit Charakter — und schließlich ein fester Anker im Herzen von Westerland. Heute steht Horst-Axel Gülcher an der Spitze, als dritte Generation der Familie. Und er ist es, der nun Bilanz zieht.
Rund 107 Jahre. Eine Zahl, die beeindruckt — und gleichzeitig zeigt, wie viel hier auf dem Spiel steht.
Der eigentliche Grund: keine Fachkräfte
Ein wohlverdienter Ruhestand — ja, der spielt eine Rolle. Doch Horst-Axel Gülcher macht keinen Hehl daraus, was das eigentliche Problem ist. Im Gespräch mit Sylt1 spricht er Klartext:
„Es ist schwer, Fachkräfte auf die Insel zu kriegen. Das Pendeln überlegen sich Leute zweimal. Selbst ein guter übertariflicher Lohn hilft da nicht."
Eine Aussage, die viele auf der Insel kennen — aus eigener Erfahrung, aus dem Bekanntenkreis, aus dem eigenen Betrieb. Die Abgeschiedenheit, die Sylt so besonders macht, ist für Arbeitnehmer oft eine Hürde, die sich nicht mit Geld überwinden lässt.
Ein strukturelles Problem, das den Handel trifft
Sylt ist damit nicht allein. Überall in Deutschland kämpft der stationäre Einzelhandel an mehreren Fronten gleichzeitig: Die Kaufkraft der Verbraucher hat in den vergangenen Jahren gelitten. Der Onlinehandel wächst unaufhörlich und zieht Kundschaft ab, die früher selbstverständlich in die Innenstadt ging. Und qualifiziertes Personal ist vielerorts kaum noch zu finden — auf einer Insel noch weniger als anderswo.
Das Ergebnis: Wenn ein Mietvertrag ausläuft, rechnen immer mehr Inhaber nach — und kommen zu dem Schluss, dass eine Verlängerung keinen Sinn mehr ergibt. So stirbt ein Geschäft nach dem anderen, still und ohne großes Aufsehen.
Der Sommer gehört noch Steffi Moden
Doch so weit ist es noch nicht. Bis zum Jahresende hat Steffi Moden noch Zeit — und dieser Sommer gehört dem Laden, seinen Mitarbeitenden und all den Kundinnen und Kunden, die über die Jahre den Weg nach Westerland gefunden haben.
Wir von Sylt1 werden diese Zeit nutzen. Ein ausführliches Gespräch mit Horst-Axel Gülcher vor der Kamera ist geplant — denn eine Geschichte, die über ein Jahrhundert reicht und drei Generationen einer Familie trägt, verdient mehr als eine kurze Meldung. Sie verdient Aufmerksamkeit, Raum und Würde.
Bis dahin: Steffi Moden ist noch da. Und das zählt.
sylt1.de
