Das Gericht kippt das Verbot, das fünfte Punk-Camp auf Sylt darf kommen. Eine Glosse über den Kampf gegen das System – geführt mit den Mitteln des Systems.
Es ist entschieden: Das Verwaltungsgericht Schleswig hat das Verbot des Kreises Nordfriesland im Eilverfahren gekippt, und so darf das fünfte Punk-Camp auf Sylt vom 20. Juli bis 16. August auf der Festwiese in Tinnum stehen. Bis zur endgültigen Entscheidung gilt das Ganze als Versammlung, geschützt durch die aufschiebende Wirkung. Man muss diesen Satz kurz sacken lassen: Ein Protest, der angetreten ist, das System zu bekämpfen, verdankt seine Existenz in diesem Sommer einem der elegantesten Instrumente ebendieses Systems.
Der Systemkampf mit aufschiebender Wirkung
Der Klassenfeind, so stellt sich heraus, heißt Rechtsstaat – und er hat gerade das Zeltlager genehmigt. Man kämpft gegen den Kapitalismus, das Establishment und die da oben, und lässt sich von genau diesen Instanzen per Eilbeschluss die Wiese sichern. Artikel 8 Grundgesetz, aufschiebende Wirkung, Verwaltungsgericht: Die Anarchie hat ihren Anwalt, und der Anwalt kennt seine Fristen. Das ist an sich schon eine reife Leistung an Selbstironie, nur leider unfreiwillig.
Bemerkenswerter noch ist, wofür diese hart erkämpfte Freiheit dann genutzt wird. Anwohner und Gewerbetreibende berichten seit Jahren von Vandalismus, Pöbeleien und aggressivem Betteln. Man ficht also die höchsten Güter der Demokratie an, um am Ende die Blumenkübel der Fußgängerzone zu demolieren und Passanten anzuschnorren. Ein Freiheitskampf, dessen sichtbarstes Ergebnis der Kehrbesen am Montagmorgen ist.
Gegen Homophobie – ausgerechnet hier
Besonders tapfer wird der Protest, wenn er sich gegen Homophobie in Stellung bringt. Nur hat er sich dafür den denkbar mutigsten Ort ausgesucht: eine Insel, auf der die schwule Szene schon Champagner trank und tanzte, als der Rest der Republik noch den Paragraphen 175 auswendig lernte. Kampen, die Whisky-Meile, das Rote Kliff – Sylt war jahrzehntelang Refugium und Vorreiter einer Weltoffenheit, von der viele Festlandstädte bis heute nur reden. Gegen Homophobie ausgerechnet nach Sylt zu reisen, ist ungefähr so kühn, wie in Venedig gegen die Feuchtigkeit zu demonstrieren.
Gegen den Kapitalismus – bitte per Prime-Versand
Und dann der große Endgegner, der Kapitalismus. Man verachtet ihn so grundsätzlich, dass man die Versorgung des Lagers gern beim größten Konzern der Welt ordert – Hauptsache, das Bier steht rechtzeitig gekühlt am Zelt. Der Antikapitalismus endet dort, wo die Lieferkette beginnt, und er endet erstaunlich früh. Getroffen wird von alldem ohnehin nicht das Vermögen, das den August längst in Saint-Tropez verbringt und von der ganzen Aufregung nichts mitbekommt. Getroffen werden die kleinen Gewerbetreibenden, die Handwerker und Saisonbetriebe, die um jede Woche der Saison ringen, den Müll wegräumen und die verschreckten Gäste beruhigen. Der Protest gegen die Reichen wird zuverlässig von den Falschen bezahlt.
Man kann das alles nüchtern betrachten, und dann bleibt ein schlichter Befund: Der Rechtsstaat hat funktioniert, sogar für seine erklärten Gegner – und das ist, allem Spott zum Trotz, seine eigentliche Stärke. Das Camp darf kommen, weil die Versammlungsfreiheit auch das Unbequeme trägt. Sie trägt nur eben weder Vandalismus noch Pöbeleien, und sie macht aus einem Protest, der gegen Homophobie auf der tolerantesten Insel und gegen den Kapitalismus per Expresslieferung antritt, keinen treffenden. Was bleibt, ist ein gut organisiertes Ritual, das alles benutzt, was es zu verachten vorgibt – die Gerichte, den Konzern, die Gastfreundschaft der Insel. Willkommen zurück in Tinnum. Der Kehrbesen steht schon bereit.
