Die Diagnose, die Ministerpräsident Daniel Günther und Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen stellen, ist schonungslos: Die Infrastruktur der Marschbahn ist am Limit. Doch das Problem ist nicht nur, dass die Gleise marode und eingleisig sind. Das Problem ist, wie wir diese knappe Ressource nutzen. Der aktuelle Zustand ist ein Paradebeispiel für Marktversagen. Auf der einen Seite steht der existenzielle Pendlerverkehr, auf der anderen ein ruinöser Wettbewerb zweier Autozug-Anbieter, der zu grotesken Stilblüten führt.
Der Kampf um die Trassen und die "heiße Luft"
Das eingleisige Nadelöhr über den Hindenburgdamm ist der Flaschenhals. Dennoch liefern sich die Deutsche Bahn (Sylt Shuttle) und RDC (Autozug Sylt) einen erbitterten Kampf um jede Trasse. Das System begünstigt dabei Quantität vor Qualität. Um Slots zu sichern und Marktanteile zu behaupten, fahren Züge – komme was wolle.
Das Resultat sind die sogenannten "Geisterzüge". Besonders abseits der absoluten Stoßzeiten, an Dienstagabenden oder im späten November, donnern Autozug-Einheiten über den Damm, die praktisch leer sind. 100 Stellplätze, belegt mit fünf Autos. Das ist ökonomisch fragwürdig und ökologisch unsinnig – verkehrstechnisch ist es jedoch eine Katastrophe. Jeder dieser fast leeren Züge zwingt den entgegenkommenden Regionalverkehr in die Warteposition. Ein Zug mit 5 Autos blockiert einen Zug mit 500 Pendlern. Dieses Missverhältnis will die Landesregierung nun korrigieren. Durch die Streichung dieser ineffizienten Fahrten entstünden Pufferzeiten, die das fragile Gesamtnetz stabilisieren würden.
Vergessene Infrastruktur am Boden
Während auf den Schienen ein Überangebot an (leeren) Autozügen herrscht, herrscht am Boden Mangelwirtschaft. Die Kritik der Personalräte richtet sich massiv gegen die fehlende Aufenthaltsqualität an den Bahnhöfen. Wenn der RE6 warten muss, weil wieder ein "Geisterzug" Vorfahrt hat, stranden die Pendler in einer Infrastruktur-Wüste.
In Morsum oder Klanxbüll gibt es kaum Schutz vor dem berüchtigten Nordseewind. Die Unterstände sind zu klein, undicht oder schlicht nicht vorhanden. Es wirkt zynisch: Für die Autos werden riesige Verladeterminals gebaut und optimiert, während der "Human Resources"-Nachschub der Insel im Regen steht. Die Reduzierung der Autozüge würde zwar keine neuen Wartehäuschen bauen, aber sie würde die Wartezeiten in dieser menschenfeindlichen Umgebung drastisch verkürzen.
ffizienz muss vor Frequenz gehen
Günthers Vorstoß ist radikal, aber rational. Solange die Strecke nicht zweigleisig ausgebaut ist, ist sie ein Mangelgut. Und Mangelgüter darf man nicht verschwenden. Leere Autozüge sind Verschwendung. Die Kritik, dies schade dem Tourismus, greift zu kurz. Ein verlässlicher Pendlerverkehr ist die Basis für jeden Tourismus. Ohne Personal kein Service. Wenn der Preis für pünktliche Mitarbeiter darin besteht, dass abends um 20 Uhr mal kein halb-leerer Autozug fährt, dann ist das ein Preis, den die Insel zahlen muss und kann.

