Wenn die Nordsee wärmer als die Luft ist: Das 39. Sylter Weihnachtsbaden
Wenn die Nordsee wärmer als die Luft ist: Das 39. Sylter Weihnachtsbaden

Es gibt Momente auf Sylt, die man einfach erlebt haben muss, um sie zu glauben. Einer dieser Momente ist der 26. Dezember, wenn sich die Westerländer Promenade in eine Mischung aus Showbühne und Eisschrank verwandelt. Zum 39. Mal hieß es in diesem Jahr wieder: „Ab in die Fluten!“ – und das bei Bedingungen, die nur echte Inselliebhaber als „erfrischend“ bezeichnen würden.

Das Warten auf das goldene Ticket

Schon lange bevor sich die Türen zur Registrierung um 13:00 Uhr öffneten, bildete sich eine geduldige Schlange. Bereits um 11:40 Uhr standen die ersten Mutigen bereit, denn die Plätze sind heiß begehrt und auf exakt 150 Teilnehmer limitiert. Es ist fast wie beim „Greifen nach den Sternen“: Wer zu spät kommt, den beißen zwar nicht die Hunde, aber er muss leider vom Trockenen aus zusehen, wie die anderen den mutigen Sprung wagen.

 

Verkehrte Welt: 4,1 Grad als „Warmduscher-Option“

Ein Schmunzeln ging durch die Menge, als Veranstaltungsleiter Jörg Elias die offiziellen Messwerte verkündete: Die Nordsee war mit 4,1 °C tatsächlich über ein Grad wärmer als die frostige Außenluft mit ihren 3 °C. „Eigentlich sind wir heute also Warmduscher“, scherzte einer der Badenden, während er sich in Schale warf. Und „Schale“ ist hier wörtlich zu nehmen: Von HSV-Fahnen bis hin zu fantasievollen Kostümen war das Weihnachtsbaden auch dieses Jahr wieder ein herrlich buntes Schaulaufen der Insel-Originale.

Ein Sprung, der zehn Jahre jünger macht

Pünktlich um 14:30 Uhr ging es los. Unter dem Applaus hunderter Zuschauer an der Promenade schritten die 150 Glücklichen die Showtreppe hinunter. Die Nordsee zeigte sich dabei fast ehrfürchtig zahm und schickte kaum Wellen an den Strand. Das hinderte die Teilnehmer jedoch nicht daran, mit vollem Elan einzutauchen. Die Gesichter beim Herauskommen sprachen Bände: Ein Mix aus Schockstarre und purem Glückshormon-Rausch. „Ich fühle mich jetzt wieder zehn Jahre jünger“, rief eine Teilnehmerin strahlend in die Kamera.

Ausklang mit Shanty-Zauber

Nach einer guten Viertelstunde war das nasse Spektakel vorbei, und während die Schwimmer sich in ihre warmen Bademäntel kuschelten, übernahm der Sylter Shanty-Chor das Zepter. Mit stimmgewaltigen Seemannsliedern an der Musikmuschel fand der Nachmittag seinen traditionellen und stimmungsvollen Abschluss.

Es ist genau diese Mischung aus norddeutscher Sturheit, einer ordentlichen Portion Humor und ganz viel Herzlichkeit, die das Weihnachtsbaden zu einem Erlebnis macht, das man im Sommer wie im Winter einfach gerne anschaut – egal ob live vor Ort oder über die Webcam am Miramar.