Wenn ein Amrumer sich auf Sylt blicken lässt, würde es wahrscheinlich so klingen: Auf Amrum erzählen wir uns über Sylt gern zwei Dinge: dass man dort für ein Mittagessen eine Hypothek auf sein Reetdachhaus aufnehmen muss, und dass der Kniepsand sowieso der einzig wahre Strand ist, während Sylt nur einen überteuerten Sandkasten hat. Mit dieser gesunden Grundhaltung habe ich mir die neue Wochenkarte vorgenommen, die drüben bei Edeka Johannsen in Keitum aushängt. Täglich frisch gekocht, steht da. Im Supermarkt. Auf Sylt. Ich war misstrauisch, wie man als Amrumer eben misstrauisch ist: sturmfest, gründlich und mit verschränkten Armen im Friesennerz.
Dann habe ich die Karte gelesen. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal habe ich die Arme sinken lassen.
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Der Montag beginnt mit einer Currywurstpfanne mit Paprika und Kartoffelpüree für 8,90 Euro. Currywurst im Püree-Bett — das ist keine Küche, die beeindrucken will, das ist Küche, die satt und glücklich machen will. Bei uns auf Amrum gäbe es dafür ein anerkennendes Nicken, und mehr Begeisterung zeigen wir öffentlich ohnehin nicht.
Dienstag: Kohlroulade mit Wirsinggemüse und Salzkartoffeln, 9,90 Euro. Ich gebe zu, da wurde ich schwach. Eine ordentliche Kohlroulade ist die Königsdisziplin der norddeutschen Seele — Wirsing doppelt, einmal drumherum, einmal daneben. Das letzte Mal, dass ich auf Amrum eine Kohlroulade dieser Preisklasse gesehen habe, hing sie als Ölgemälde im Öömrang Hüs.
Mittwoch kommt das Hähnchen-Knusperschnitzel mit Pariser Karotten und Reis, 9,50 Euro. Pariser Karotten! In Keitum! Wir haben auf Amrum auch Karotten, aber unsere waren noch nie in Paris, höchstens mal in Nebel. Man merkt der Karte an, dass hier jemand kocht, der es gelernt hat — und nicht nur auftaut, was die Fähre vom Festland bringt.
Am Donnerstag wird es dann unverschämt: Flugentenkeule mit Kaisergemüse, Salzkartoffeln und Orangensauce für 12,90 Euro. Entenkeule mit Orangensauce ist Sonntagsessen, Festtagsessen, Schwiegermutter-besänftigen-Essen. Auf Sylt gibt es das donnerstags. Im Supermarkt. Ich habe kurz überlegt, ob ich beleidigt sein soll, und mich dann für hungrig entschieden.
Freitag, hausgemachter Backfisch mit Bratkartoffeln und Remoulade, 12,90 Euro — Fisch am Freitag, wie es sich an der Küste gehört. „Hausgemacht“ steht da, und ich glaube es sogar, denn wer donnerstags Enten schmort, hat freitags keine Angst vor Fisch. Wir Amrumer sind vom Fisch verwöhnt, wir blicken schließlich direkt auf die offene Nordsee — umso bitterer, dass ich zugeben muss: Die Kombination mit Bratkartoffeln und Remoulade liest sich exakt so, wie Freitag schmecken soll.
Der Samstag schließt mit hausgemachter Gulaschsuppe für 6,50 Euro, und spätestens hier wackelt mein Insel-Weltbild. Sechsfünfzig! Auf der Insel, über die wir auf Amrum sagen, dort koste sogar der Gegenwind Kurtaxe. Dazu gibt es täglich Nudeln Bolognese (7,50), Chili con Carne (7,50) und Rindergulasch (9,50) — für die Unentschlossenen, die Kinder und die Handwerker, also für die drei wichtigsten Bevölkerungsgruppen jeder Insel.
Und jetzt sitze ich hier, schaue übers Wasser Richtung Norden und rechne: Mit dem Adler-Express von Wittdün rüber nach Hörnum, dann mit dem Bus bis nach Keitum — für eine Entenkeule. Das wäre absurd. Das wäre unwirtschaftlich. Das wäre Verrat an allem, was wir Amrumer über Sylt sagen, wenn kein Sylter zuhört.
Ich überlege es trotzdem. Sagt es nicht weiter — schon gar nicht meiner Insel. Aber wenn mich jemand sucht: Ich bin dann mal in Keitum, zwischen Getränkeregal und Wochenkarte, und esse mich mit 8,90 Euro durch die Erkenntnis, dass die Sylter nicht nur schicke Autos haben, sondern offenbar auch jemanden, der kochen kann. Ob unser Kniepsand größer ist, ist mir von dort aus übrigens erstaunlich egal.
Mittagstisch bei Edeka Johannsen, Keitum | wöchentlich wechselnde Karte | aktuelle Woche: 6,50–12,90 Euro | edeka-keitum.de, Instagram @edeka.keitum
