Viele Geheimnisse gibt das Meer erst bei extremer Ebbe frei

Historische Buhnen sind auf Sylt bei Niedrigwasser zu sehen
Historische Buhnen sind auf Sylt bei Niedrigwasser zu sehen

War es so? Bei schwerem Unwetter; wenn Sturmböen über die aufgewühlte See peitschen und schwere Regenschauer jede Sicht nehmen. War es hier? Irgendwo in den Untiefen vor Sylt, wo die Sandbänke wandern und die Strömungen wechseln. An einem solchen Tag? Wenn die Gezeiten so mächtig sind wie sonst nie und aus der Nordsee zusammen mit dem Sturm eine Hexenküche mit grober See machen.

Hier ging einst ein Schiff unter, gebaut aus Holz, verschwunden wie so viele. Namenlos und ohne Datum, verloren in der Nordsee. Und verloren in der Zeit. Ein Plattbodenschiff, gesunken oder gestrandet, wohl im späten 16. Jahrhundert, vielleicht im frühen 17. Jahrhundert. Bis es im Jahre 2016, an einem Tag mit sehr wenig Wasser, wieder auftauchte. Es gibt solche Tage, an denen sich die Nordsee weit, sehr weit sogar, zurückzieht.

 

Es ist an einem Morgen im späten April des Jahres 2018 und es ist Springniedrigwasser: Frithjof Pölzing von der Schutzstation Wattenmeer in Hörnum/Sylt holt den Gast ab und wartet das allerschlimmste Wetter ab. Es ist noch immer ablaufendes Wasser und zu erkennen ist in diesem tobenden Meer naturgemäß erst einmal nichts. Der Regen jagt waagerecht über die Insel. Und er kommt aus Osten. Das ist, bei allem Unheil, gut so. "Denn dann läuft das Wasser besonders weit ab und zusammen mit dem heutigen Springniedrigwasser heißt das, dass so viel Fläche trocken fällt wie sonst kaum!" Die Häufigkeit dieser „günstigen“ Umstände, heißt es bei der Schutzstation, könne man an einer Hand abzählen; denn Springtide bei Vollmond und Ostwind sind nicht immer synchron.

 

Springniedrigwasser, erklärt der junge Mann, der sein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf Sylt verbringt, bedeutet, dass Sonne und Mond in einer Linie mit der Erde stehen und mit ihrer „zusammengelegten“ Schwerkraft einen besonders großen Flutberg erzeugen - die Springflut. Das heißt aber auch, dass die Ebbe ebenfalls gewaltig ausfällt; mit besonders tiefem Niedrigwasser. Das passiert zwei Mal im Monat und kommt kräftiger Ostwind dazu (er schiebt das Wasser zusätzlich hinaus), taucht Land auf, das normalerweise in den Fluten verborgen bleibt.

 

Der Himmel ist dunkel, eine düstere Atmosphäre drückt und es liegt noch immer eine seltsame Bedrohlichkeit und Gewalt über der See. Wütend schäumt das Wasser, doch es hat verloren fürs Erste. Längst sind Abschnitte vor der Südspitze von Sylt, soweit davon noch etwas übrig ist, trockengefallen. Es ist eine Stunde vor Niedrigwasser und getrieben vom starken Ostwind scheint das Wasser fast nach Westen zu rasen. Sechs bis sieben Windstärken drücken an diesem Morgen das Wasser zusätzlich fort, Mond und Sonne ziehen.

 

Dort, wo die Springflut in der Nacht wieder ein Stück von der Insel abgetragen hat, sind Abbruchkanten zu erkennen, die im Regen zusammensacken. Sie liegen etwa zwei Meter höher als der Weg der Wanderer, man kommt sich vor wie in einer Etage tiefer. Plötzlich lässt das Unwetter nach und die Dünen der Hörnum Odde liegen vor einem bleigrauen Himmel. Zwischen der normalen Wasserlinie und dort, wo jetzt die Wellen entlanglaufen, liegen gewiss hundert Meter lockerer Sand. Das war einst Land, die Südspitze von Sylt verliert rapide an Fläche, nun ist es Meeresboden und für ein paar seltene Stunden kann man es betreten. Denn: Bei starkem ablandigem Wind (aus Ost) während der Springtide liegt der Sand an der Südspitze von Sylt bis zu 200 Meter breiter frei als bei mittlerem Tideniedrigwasser (MTNW).

Der Wind hat diesen Meeresboden getrocknet und weißer Sand fegt in Schlieren vorüber; knisternd und prasselnd. Frithjof stemmt sich gegen den Sandsturm und seine Silhouette verliert sich, je weiter er dagegen angeht. Denn: Er hat eine seltsame Stange entdeckt und geht darauf zu. "Das ist interessant! Bei Springniedrigwasser kannst Du hier Sachen entdecken, die Du sonst nie zu sehen bekommst", sagt er. Was es wohl mit diesem, es entpuppt sich schnell als solches, Rohr auf sich hat? Niemand weiß es. Die Leute von der Schutzstation haben mehrere Vermutungen: Reste von einem Schiff oder Reste des abgebauten Hörnumer Unterfeuers, aber auch angeschwemmtes und eingesandetes Treibgut oder vielleicht Relikte von Strandduschen.

 

„Hier tauchen Dinge auf, von denen kein Mensch eine Ahnung hat, geschweige denn weiß, was das ist", meint Frithjof. Dem alten Schiff immerhin konnten die Forscher des Archäologischen Landamtes wenigstens ein bisschen was von seiner Geschichte zurückgeben. Es wurden Holzproben genommen, das Wrack selbst aber nicht komplett geborgen – es ist entweder wieder im Sand eingesunken oder weggetrieben. Dass man solche Dinge nicht beschädigen oder gar mitnehmen darf, versteht sich von selbst.

 

Einsam ragt das Rohr aus dem Sand, erneut aufkommende Schauer und der ewige Sand verschlucken die Szene. Rohre und Ruinen im Sandsturm auf dem Meeresboden, vielleicht ein versunkenes Schiff – es hat etwas seltsam Spukhaftes, hier unterwegs zu sein. Längst ist das Rohr nicht mehr zu sehen, vielleicht verschwindet es für immer. Sand und Wind verwischen, die See wird es bald ertränken und dunkle Fluten darüberlegen. Ein kleines Zeitfenster immerhin hat die Nordsee den Menschen gegeben, sich ihrer Geschichte zu erinnern. "Im Zweiten Weltkrieg hat die Wehrmacht die Südspitze zum Sperrgebiet erklärt und beispielsweise Flakstellungen errichtet. Wo genau die waren, ist unbekannt - auch den Syltern war es damals verboten, hierherzukommen", sagt Frithjof.

An der Hörnum Odde gibt es viel zu entdecken

Sylts Süden war einst viel größer. Zum Vergleich: Die Fläche des anliegenden Naturschutzgebietes „Hörnum Odde“ betrug im Jahr 1972 gut 157 Hektar – heute sind es nur noch rund zwanzig Hektar. Und bei einem starken Sturm verliert die Südspitze schon einmal einen Meter an Breite. Frithjof folgt den Schlieren wehenden Sandes bis dorthin, wo sie ins Wasser fallen. "Siehst Du die Boje da draußen?" In der Ferne tanzt ein rotes, bedenklich flackerig blinkendes Licht einen irren Tanz in der tobenden See. Die zaghafte Sonne wird wieder von bleigrauen Wolken verschluckt und die See ist schwarz wie Kohle. Schemenhaft sind weitere Sandbänke zu erkennen, die daraus auftauchen. Noch ein paar Minuten, dann ist allertiefstes Niedrigwasser. Doch "das dahinten" taucht nicht wieder auf. "Diese Tonne hat früher mal die Südspitze von Sylt markiert!", meint Frithjof. Allzu lange ist das nicht her; es war Mitte der 1970er Jahre.

 

Frithjof steht nun 200 Meter südlich der normalen Wasserlinie und blickt auf die See, auf den Sand. Und ein Schiff? "Hab ich noch nicht gefunden", sagt er. Berichtet aber von Betonfundamenten, die vor nicht langer Zeit bei Springniedrigwasser auftauchten. Aber auch die hat er nicht mehr gesehen. "Vermutlich sind sie wieder unter dem Sand begraben, das ändert sich hier vor der Südspitze von Sylt sehr schnell." Der Meeresboden ist seltsam aufgeräumt; ein großer, leerer Raum unter hohen Himmel. Zerrissene Wolken fliegen vorüber. Im Hintergrund sind das Heulen des Windes und nun wieder das Rauschen des Wassers zu hören, die Flut stemmt sich gegen den Wind. "Wir müssen zurück", mahnt er, "das Wasser kommt!"

 

Der Sand schimmert hell und auf dem Rückweg zum Weststrand ragt wieder eines dieser seltsamen Rohre aus dem Sand auf. Frithjof ist bis auf Weiteres der einzige Mensch, der dieses sonderbare Gebilde gesehen hat. Er notiert sich das, für eine Art Springniedrigwasserkataster. Wer weiß, wann das wieder zu sehen sein wird. Und ob überhaupt. Bleibt es bei dem kurzen Blick oder gibt es demnächst, irgendwann einmal, mehr zu sehen? Werden Erinnerungen geweckt, können Geschichten erzählt werden? Einstweilen bleibt es ein Geheimnis. Denn jetzt kommt die Nordsee mit aller Macht wieder und hier draußen ist wieder Meeresboden.

 

Sylter Erlebnistipps

Die Schutzstation Wattenmeer in Hörnum auf Sylt setzt drei neue Termine für 2018 an, um dem Phänomen Springniedrigwasser eventuell erneut zu begegnen: 27. Juli 2018, 26. August 2018 und am 25. September 2018 jeweils um acht Uhr. Tipp: die Windlage beachten. schutzstation-wattenmeer.de

Die Erlebnis-Ausstellung „Arche Wattenmeer“ in Hörnum lädt mit liebevoll gestalteten Exponaten dazu ein, die Vielfalt und Lebendigkeit der Nordsee spielerisch zu begreifen: arche-wattenmeer.de

Im Erlebniszentrum Naturgewalten in List auf Sylt werden das Naturphänomen Ebbe & Flut sowie die Springtide anschaulich und multimedial erklärt. naturgewalten-sylt.de

 

 

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